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Tinnitus: Was wir selbst für uns tun können.

 

In einer kleinen, lose erscheinenden Serie von Artikeln möchten wir in unserem Blog hilfreiche Erfahrungen teilen, wie Sie mit Tinnitus, Schwindel und Schwerhörigkeit besser umgehen können.

 

Heute: Die Kunst des Spazierengehens.

Als junger Mann spielte ich Schlagzeug und freundete mich während meiner zahlreichen Besuche in einem kleinen Musikfachgeschäft meiner Heimatstadt Detmold mit einem dort arbeitenden Musiker an. Neben vielen anderen Dingen brachte er mir etwas bei, dessen Wert ich erst vielen Jahre später so richtig zu schätzen lernte: Die Kunst des Spazierengehens. War für mich früher das Spazierengehen eine langweilige, ja fast überflüssige Tätigkeit, erkannte ich im Laufe der Jahre immer mehr, wie wertvoll das Spazierengehen ist. Heute möchte ich einige Erfahrungen dazu mit Ihnen teilen und auch beleuchten, inwiefern uns Spazierengehen im Umgang mit Tinnitus helfen kann.  

 

Dass Spazierengehen zahlreiche gesundheitsfördernde Aspekte hat, ist hinlänglich bekannt. In diesem Artikel möchte ich jedoch weniger bekannte Effekte des Gehens beleuchten. Was ist es eigentlich, was das Spazierengehen so wertvoll macht?

Bekannt ist das Wort „Verdauungsspaziergang“ nach dem Essen. Kaum bekannt ist dagegen die Tatsache, dass wir auf einem Spaziergang nicht nur körperlich verdauen, sondern auch emotional und mental. Fast auf jedem Spaziergang, der länger als 15 Minuten dauert, erlebe ich, wie Gespräche, Situationen und Begegnungen, die bisher am Tag stattgefunden haben, nochmal in meinem Inneren auftauchen und, wenn ich mir Zeit lasse, sich ordnen, sortieren und in diesem Sinne „verdaut“ werden. So manches Mal habe ich auf einem Spaziergang hilfreiche Einsichten und Ideen zu einem Thema, das während des Gehens in mir aufsteigt.

 

Da Tinnitus bei Betroffenen fast immer mit einer hohen Anspannung im autonomen Nervensystem einhergeht, liegt hier für mich der vielleicht größte Segen des Spazierengehens: Es entspannt nicht nur unseren  Körper, sondern vor allem unser Nervensystem kann ein Stück weit zur Ruhe kommen. Der Vagusnerv, also der Nerv, der unter anderem für Regeneration und Heilungsprozesse verantwortlich ist, wird sanft stimuliert. Beobachten Sie einmal, wie Sie nach etwa 10 bis 20 Minuten spazieren gehen beginnen, unwillkürlich durchzuatmen. Wie von selbst atmet der Körper tief in den Bauch ein. Dies fühlt sich ähnlich wie ein Seufzen an und wird als erleichternd empfunden. Dies ist ein sicheres Zeichen für die verstärkte Aktivität des Vagusnervs.

 

Aus der Traumaforschung und -therapie wissen wir, dass sogenannte „bilaterale Stimulationen“ unserem Gehirn und Nervensystem helfen, bisher Unverarbeitetes zu verarbeiten und zu integrieren. Bilaterale Stimulation bedeutet, dass wir abwechselnd die rechte und linke Gehirnhälfte stimulieren, beispielsweise durch Klang, durch bestimmte Augenbewegungen oder eben durch körperliche Bewegung. Wenn wir gehen und die Arme frei neben dem Körper schwingen lassen, stimulieren wir beide Gehirnhälften, helfen ihnen bei der Synchronisierung und damit der Stressverarbeitung und dem Stressabbau. Diese Tatsache kann man sich auch in anderer Hinsicht zunutze machen: Haben Sie das nächste Mal Streit oder Stress mit Ihrem Partner, mit Ihrer Partnerin oder einem Freund, klären Sie die Angelegenheit während eines Spaziergangs! Anstatt fast bewegungslos auf einem Stuhl oder der Couch zu sitzen, hilft Bewegung uns, auch mental und emotional flexibler zu werden, wenn es um die Bewältigung von Schwierigkeiten geht.

 

Wenn wir spazieren gehen, spielt natürlich auch die Umgebung eine Rolle: Eine stark befahrene Straße hat andere Auswirkungen auf uns als ein ruhiger Wald oder ein Bergsee. Letzteres steht uns leider nicht immer zur Verfügung. Ich habe viel experimentiert und festgestellt, dass auch in der Stadt beruhigende und wohltuende Spaziergänge möglich sind. Beispielsweise ist die Abendzeit, wenn sich die Stadt langsam beruhigt, durchaus dazu geeignet.

Zum Schluss noch mein vielleicht wichtigster Tipp: Lassen Sie Ihr Smartphone während des Spazierganges zu Hause. Das macht einen spürbaren Unterschied. Wenn Sie das Telefon (auch ausgeschaltet!) bei sich haben, ist ein Teil Ihrer Aufmerksamkeit dort gebunden – bewusst oder unbewusst und der wohltuende Entspannungszustand kann sich nicht so gut entfalten.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen entspannenden und wohltuenden nächsten Spaziergang.

 

Ihr Boris Seedorf

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